Wenn alle Brünnlein fließen

Volkslied (16. Jh.)

Volksweise (18. Jh.)

Musiknoten zum Lied Wenn alle Brünnlein fließen

Liedtext

Wenn alle Brünnlein fließen,
so soll man trinken,
wenn ich mein Schatz nicht rufen darf,
tu ich ihm winken.
Wenn ich mein Schatz nicht rufen darf,
ju ja rufen darf, tu ich ihm winken.

Ja winken mit den Äugelein
und treten auf den Fuß:
Isr Eine in der Stube drin,
die mir noch werden muß.

Warum soll sie's nicht werden?
Ich seh sie gar zu gern.
Sie hat zwei schwarzbraun Äugelein,
sind heller als der Stern.

Sie hat zwei rote Bäckelein,
sind röter als der Wein.
Ein solches Mädchen findt man nicht,
wohl unterm Sonnenschein.

Wenn alle Brünnlein fließen gehört zu den ältesten deutschen Volksliedern, die heute noch bekannt und beliebt sind. Von dem aus dem Schwäbischen stammenden Lied sind Textdichter und Komponist unbekannt. Aufgezeichnet wurde das Liebeslied erstmals im Jahr 1520 von dem Komponisten Leonhard Klebers. Gedruckt erschien es zum ersten Mal 1534 in Nürnberg bei Johann Ott in Hundert und ainundzweintzig newe Lieder. Bis zur endgültigen Version änderte sich der Textinhalt nur wenig. Dagegen wurde die Melodie oft abgewandelt bis sich schließlich die studentische Kommersbuchfassung durchsetzte. Diese Melodie ist auf Mozarts Papageno-Lied Ein Mädchen oder Weibchen aus der Zauberflöte (1791) zurückzuführen. Richtig populär aber wurde das Lied erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem es der Liedersammler und Komponist Friedrich Silcher 1855 in seine Liedersammlungen aufgenommen hatte.

Der Brunnen war im Volkslied ein beliebtes Motiv. In Wilhelm Müllers Am Brunnen vor dem Tore war er gemeinsam mit dem Lindenbaum ein Symbol wehmütiger Sehnsucht nach der heilen Vergangenheit. Als Jungbrunnen wird er in dem schlesischen Lied Und in dem Schneegebirge besungen.

Aus einem Ziehbrunnen schöpft man Wasser oder das Wasser sprudelt aus dem Brunnen so wie in dem Lied Wenn alle Brünnlein fließen. Wasser war immer ein Symbol für Gefühle. Und wenn man verliebt ist, soll man sein Gefühl nicht ignorieren, sondern ihm nachgehen: "so soll man trinken". Und wenn der (vermutlich) junge Mann seinen Schatz nicht rufen darf, dann tut er ihm winken. "Nicht rufen" könnte hier stehen für nicht ansprechen. Dafür könnte es verschiedene Gründe geben: die Eltern des Mädchens sind gegen eine Beziehung mit dem Sänger, weil das Mädchen noch sehr jung ist oder aber der junge Mann ihnen nicht standesgemäß erscheint. So ist vorstellbar, dass das Zuwinken sehr diskret geschehen muss, damit es die Eltern nicht bemerken.

Die zweite Strophe bestätigt diese Vermutung: das Winken ist mehr ein Zwinkern "mit den Äugelein", so wie sich zwei Menschen auch wortlos verständigen können. Hier aber sieht es so aus, als wenn das Zwinkern einseitig geschieht: der junge Mann zwinkert dem Mädchen zu. Er kennt sie noch gar nicht näher, gibt ihr aber mit den Augen zu verstehen, dass sie ihm gefällt. Es ist sein Wunschtraum - in der ersten Strophe nennt er sie zwar schon "seinen Schatz", und er ist so verliebt, dass er meint, das Mädchen müsse die Seine werden. Und um dem Nachdruck zu verleihen, fußerlt (auch: füßelt) er mit ihr (hier etwas drastisch ausgedrückt: treten auf den Fuß), unauffällig unterm Tisch wahrscheinlich im Wirtshaus, womöglich in Gegenwart ihrer Eltern.

Wie der Volkskundler Otto Holzapfel (geb. 1941) ausführt, hat bereits 1936 der Volksliedforscher John Meier (1863 – 1953, Gründer des Deutschen Volksliederarchivs in Freiburg) darauf hingewiesen, dass seit dem 13. Jahrhundert das Treten auf den Fuß ein Eheversprechen bedeuten konnte. Wenn das Treten von dem Mädchen erwidert wurde, konnte der junge Mann das als heimliches Ja-Sagen ansehen und hoffen, dass es bald zu einer öffentlichen Verlobung führen würde. Holzapfel hält es für "höchst erstaunlich, dass ein alter Rechtsbrauch, der im Deutschen bereits längt vergessen ist, wenigstens der Form nach in der Türkei weiterlebt". (Holzapfel, Interkulturelle Redensarten und ihr kulturhistorischer Hintergrund, Dyalog 2/2013).

In der dritten Strophe macht sich der Sänger selbst Mut: "Warum soll sie’s nicht werden", zumal er sie "gar zu gern" sieht. Er schwärmt von ihren schwarzbraunen Äugelein die heller sind als die Sterne. Hier ist "Äugelein" ein Diminutiv, der zärtliche Zuneigung ausdrückt, ähnlich wie im letzten Vers "Bäckelein" (in einer anderen Liedversion: Wängelein), die, wie der Sänger in seiner Verliebtheit etwas überschwänglich meint, "röter als der Wein" sind. Er glaubt, das von ihm umschwärmte Mädchen sei einzigartig: "Ein solches Mädchen findt man nicht, / wohl unterm Sonnenschein".

Bei einer repräsentativen Befragung im Jahr 1975 landete Wenn alle Brünnlein fließen auf dem 12. Rang der meist- und freigenannten Lieder (Ernst Klusen Zur Situation des Singens in der Bundesrepublik Deutschland, II. Die Lieder, 158). Das Lied wurde an fünfter Stelle der in Gesellschaft besonders häufig gesungenen Lieder genannt (ebd., S. 60).

Georg Nagel, 15. Juli 2016