Volkslieder Abschiedslieder

Wahre Freundschaft soll nicht wanken

Volkslied (ca.1750)

Volksweise (ca.1750)

Musiknoten zum Lied Wahre Freundschaft soll nicht wanken

Liedtext

Wahre Freundschaft soll nicht wanken,
wenn man gleich entfernet ist,
lebet fort noch in Gedanken
und der Treue nicht vergißt.

Keine Ader soll mir schlagen
wo ich nicht an dich gedacht;
für dich werd ich Liebe tragen
bis in tiefe Todesnacht.

Wenn der Mühlstein traget Reben,
und daraus fließt süßer Wein,
wenn der Tod mir nimmt das Leben,
hör ich auf dein Freund zu sein.

Jetzo schlägt die Trennungsstunde,
reißt gewaltsam mich von dir;
es schlägt zu früh die Scheidestunde,
ach, ich fand mein Glück in dir!

So nimm denn hin vom blassen Munde
den Abschiedskuß, der weinend spricht,
und denk an diese Trennungsstunde,
oh einz'ger Freund, vergiß mein nicht!

Im Stillen werd ich Tränen weinen
und träumend dir zur Seite stehn,
und seh ich Gottes Sonne scheinen
werd ich für dich um Segen flehn.

Weitere

Abschiedslieder

Wahre Freundschaft soll nicht wanken ist seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bekannt ist und zuerst in Schlesien, Franken und Hessen verbreitet. Magnus Böhme, der das Lied unter dem Titel Mädchentreue präsentierte, merkte an, dass Text und Melodie aus Schlesien stammen sollen (vgl. Deutscher Liederhort , II S. 394f).

Im 19. Jahrhundert war das Lied in zahlreichen Liederbüchern enthalten und in ganz Deutschland beliebt. G. W. Fink lieferte 1843 eine Version im 3/4 Takt (Musikalischer Hausschatz der Deutschen, Nr. 876) und Franz Wilhelm von Dithfurt nahm Wahre Freundschaft soll nicht wanken 1855 in seine Liedersammlung Fränkische Volkslieder (Band 2, Nr. 107, S. 86) mit einer zweistimmigen Melodie auf.

Die Beliebtheit des Lieds hielt auch im 20. Jahrhundert unvermindert an. Es wurde in zahlreiche Schul- und Volksliederbücher aufgenommen, was nicht zuletzt auch an der Tehmatik des Liedtextes liegt.

Freundschaft zählt zu jenen unverzichtbaren Tugenden des Menschen, denen auch deshalb ein besonderer Stellenwert beigemessen wird, weil sie die eigene Lebensqualität enorm erhöht. Einsam ist der, der keine Freunde hat. Doch wie zerbrechlich Freundschaft auch sein kann, weiß jeder, der sich auf andere Mitmenschen vertrauensvoll einließ und später enttäuscht wurde.

Ist eine Freundschaft jedoch tief und fest in den Herzen und im Vertrauern verankert, so sollte sie eigentlich nicht mehr wanken. Und das bezieht sich auch auf die räumliche Entfernung zwischen den Freunden. Das Lied spricht davon, dass trotz verschiedener Örtlichkeiten dennoch das Grundgefühl der Verbundenheit weiter in Gedanken fortlebt, weil eine innere Treue dieser Beziehung Stabilität vermittelt.

Doch die Volksweise geht noch weiter in ihrem Versprechen. Hier wird bis zum Punkt der eigenen Todesnacht die Stärke der Freundschaft beschworen. Ein immerwährendes aneinander Denken ist dabei eine Selbstverständlichkeit, gerade auch dann, wenn man nicht nah beieinander wohnt.

Was aber könnte diese Freundschaft zum Kippen bringen? Nur das Unmögliche – mit anderen Worten: letztlich nichts. Dies wird ins Bild des Mühlsteins gegossen, der erst Reben tragen müsste, bevor die Freundschaft enden würde. Doch welcher Mühlstein trägt schon Reben? Oder der Tod selbst müsste kommen, um dieser irdischen Verbindung ein natürliches Ende zu setzen. Nicht wenige Menschen leben mit dem Gefühl, dass auch über den Tod hinaus eine lebendig gefühlte Verbindung der Erinnerung an diese Freundschaft bleiben kann. Doch der Verfasser lenkte dabei seinen Blick mehr auf eine handfest-irdisch-menschliche Begegnung, statt auf eine zwischen lebenden und toten Freunden.

Der letzte Abschied naht

Ab der vierten Strophe des Liedes ist jedoch der finale Abschied angesagt. "Jetzo schlägt die Trennungsstunde, reißt gewaltsam mich von dir". Jetzt wird der Schmerz beschrieben, die Trennungsstunde naht. Das gemeinsam erlebte Glück zieht in der Erinnerung noch einmal vorbei und macht diesen Abschied besonders schwer.

Von der Einzigartigkeit dieser besonderen Freundschaftsbeziehung hören wir dann in diesem Liedertext in der Todesstunde, wo der letzte Kuss unter Weinen auf die bleichen Lippen gedrückt wird. Der Sterbende ist vielleicht schon bereit, der Abschied nehmende Freund tut sich schwerer. Er bleibt allein zurück. Er weiß, dass mit dem Tod eine Phase der Trauer beginnt. Doch sie wird aber nicht nur tränenreich werden, sondern wird auch mit dem Traum verbunden, was wiederum Hoffnung birgt. Nicht selten "zeigen" sich Verstorbene im Traum noch einmal den ganz nahen Menschen. Ob der Träumende dies unbewusst imaginiert, weil die Gefühlsverbindung so lebendig ist, bleibt ein Geheimnis. Verbunden wird dies weiter im Text mit der Sonne Gottes und der Bitte um den göttlichen Segen, der den verstorbenen Freund auf seiner Weiterreise begleiten soll.

Soweit etwas Text des Liedes, wie es der unbekannte Autor als seine Gefühlsregung ausdrückte. Vermutlich ist der Text auch deshalb erhalten geblieben, weil er vielen Menschen aus dem Herzen spricht. So manch einer mag dabei an die eigenen Freunde denken oder an jene Verstorbenen, die einem selbst so besonders nahe waren. Vielleicht liegt aber auch ein Freund aktuell selbst im Sterben und man bereitet sich durch die Stimmung des Liedes auf eine ähnliche Situation vor, die man in baldiger Zeit zu erwarten hat.

Die Festigkeit einer Freundschaft ist ein Stabilitätsanker fürs eigene Leben, der Kraft, Zuversicht und Hoffnung gerade auch in den schweren und drückenden Zeiten des Lebens geben kann. Dennoch scheint uns oft auch die Sonne im Leben, wo wir die Freundschaft nicht nur von Seiten der Hilfe und Stütze erleben, sondern voller Freude, Spaß und guter Laune.

Freunde für immer – das ist eine starke Beschwörungsformel, Hoffnung und Bitte zugleich. Das ist das Gefühl, dass viele Freundschaften so unverbrüchlich sein lässt.

Christa Schyboll, 24. November 2016