Sehnsucht nach dem Frühling

(Komm, lieber Mai, und mache)

Christian Adolf Overbeck (1775)

Musiknoten zum Lied Sehnsucht nach dem Frühling

Liedtext

Komm, lieber Mai, und mache
die Bäume wieder grün,
und laß uns an dem Bache,
die kleinen Veilchen blühn!
Wie möchten wir so gerne
ein Veilchen sehn,
ach, lieber Mai,
wie gerne einmal spazieren gehn.

Zwar Wintertage haben
wohl auch der Freuden viel:
man kann im Schnee eins traben
und treibt manch' Abendspiel,
baut Häuserchen von Karten,
spielt Blindekuh und Pfand:
Auch gibts wohl Schlittenfahrten
auf's liebe freie Land.

Doch wenn die Vöglein singen
und wir dann froh und flink
auf grünem Rasen springen,
das ist ein alter Ding!
Jetzt muß mein Steckenpferdchen
dort in dem Winkel stehn,
denn draußen in dem Gärtchen
kann man vor Schmutz nicht gehn.

Am meisten aber dauert
mich Lottchens Herzeleid:
Das arme Mädchen lauert
recht auf die Blumenzeit;
umsonst hol' ich ihr Spielchen
zum Zeitvertreib herbei;
sie sitzt auf ihrem Stühlchen
wie's Hühnchen auf dem Ei.

Ach, wenn's doch erst gelinder
und grüner draußen wär!
Komm, lieber Mai! Wir Kinder,
wir bitten gar zu sehr!
O komm und bring' vor allen
uns viele Veilchen mit,
bring' auch viel Nachtigallen
und schöne Kuckucks mit.

Mit dem Titel Fritzchen an den May hat der Dichter, Jurist und spätere Bürgermeister der Stadt Lübeck Christian Adolph Overbeck (1755–1821) mit 21 Jahren eines der bekanntesten Frühlingslieder verfasst. 1776 wurde es erstmals im Hamburger Musenalmanach veröffentlicht.

Zum ersten Mal vertont wurde das Gedicht 1777 von G. H. L. Wittrock. Bis 1849 folgten sechs weitere Kompositionen, darunter eine Komposition von Robert Schumann unter dem Titel Mailied (op. 79,9; 1849), die sich nicht durchsetzen konnte. Besonders erwähnenswert sind die Vertonungen des Komponisten Johann Friedrich Reichardt (1752 - 1817) aus dem Jahr 1781 und die noch heute gängige Melodie von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) aus dem Jahre 1791. Reichardt unterlegte seine Komposition den heute noch geläufigen Text, dessen Verfasser unbekannt ist, während Mozart den Originaltext verwendete.

Als unwahrscheinlich gilt, dass Overbeck selbst sein Gedicht entschärft hat. Denn Overbeck hat das Gedicht nur in der Originalversion herausgegeben, so im Gedichtband Kinderbibliothek des Campe Verlags, von dem Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) eine Ausgabe besaß. Als er Fritzchen an den May 1791 vertonte, unterlegte er der Melodie den Overbeckschen Text.

Während Mozarts Melodie alle anderen, auch spätere Vertonungen an Popularität übertraf, ging die Verbreitung des Textes von Fritzchen an den May noch im 19. Jahrhundert stark zurück. In einem als Kinderlied aufgefassten Text wollte man ebenso wenig von einer strengen Mutter hören, die nicht nur das Steckenpferdreiten untersagt, sondern auch das "Kinderspiel" insgesamt in der engen Stube verbietet, wie von einem Schüler der über das Vokabellernen klagt.

Den beiden ersten identischen Strophen kann man nicht entnehmen, wer das Lied singt. Nur die Originalüberschrift Fritzchen an den May gibt Aufschluss: es handelt sich um einen Jungen. Die geänderte Fassung, nun mit der ersten Zeile als Titel, beschreibt zwar Kinderspiele, und es liegt nahe, dass ein Kind dieses Lied singt; aber erst die vierte Strophe deutet an, dass ein Junge der Sänger ist.

Die geänderte Textfassung

Der Herzenswunsch des Sängers ist, es möge endlich wieder Frühling werden. Fritzchen wendet sich dazu an den Mai, als wäre dieser eine Person: "Komm, lieber May…". Denn spätestens im Mai grünen die Bäume (vgl. Der Mai ist gekommen: "Die Bäume schlagen aus") und blühen die Veilchen. Diese Stimmung des Jungen hat Mozart, der seine Vertonung mit Sehnsucht nach dem Mai betitelte, richtig erfasst.

Im Originaltext bedauert der Junge, nicht Steckenpferd reiten zu dürfen; seine strenge Mutter meint, in der Stube sei es zu eng und außerdem würde es zu viel Staub aufwirbeln. Und draußen im Garten geht es nicht, weil der Schnee zu hoch.

Dagegen beschreibt die geänderte Fassung, dass man im Schnee herumlaufen kann und die Wintertage viel Freude bringen, z. B. Schlittenfahrten übers Land. Abends kann man unbeschwert Kartenhäuser bauen und - da keine strenge Mutter es verbietet - auch mal Blindekuh mit dem Einsetzen von Pfändern (und dem Auslösen) spielen.

Hier zum Vergleich die 2. Strophe in Original- und neuer Fassung:

OriginalNeu

Mein neues Steckenpferdchen
Muß jetzt im Winkel stehn;
Denn draußen in dem Gärtchen
Kann man vor Schnee nicht gehn.
Im Zimmer ist’s zu enge,
Und stäubt auch gar zu viel,
Und die Mama ist strenge,
Sie schilt aufs Kinderspiel.

Zwar Wintertage haben
wohl auch der Freuden viel:
man kann im Schnee eins traben
und treibt manch' Abendspiel,
baut Häuserchen von Karten,
spielt Blindekuh und Pfand:
Auch gibts wohl Schlittenfahrten
auf's liebe freie Land

Da unser Fritzchen angesichts der Schneemengen nicht draußen spielen kann, ist er es bald leid "bey den kurzen Tagen" kaum an die frische Luft zu kommen, und es ist ihm langweilig, da er drinnen nicht spielen darf. Voller Selbstmitleid nennt er sich einen "armen Buben", der "vor Ungeduld noch krank werden" könnte. Außerdem hat er keine Lust, sich "mit den Vokabeln abzuplagen". Aber seine strenge Mutter achtet stets darauf, dass er immer fleißig lernt. Da kann man seinen Seufzer in der ersten Strophe noch besser verstehen, als er wiederholt: "Wie möcht’ ich doch so gerne / ein Blümchen wieder sehn!"

Und er wendet sich erneut an den personifizierten Mai, "Ach, lieber Mai" und sagt ihm, "wie gerne (er wieder) einmal spazieren gehen" möchte.

Aus dem Hinweis auf das Vokabellernen ist zu entnehmen: hier handelt es sich nicht, wie man anfangs hätte annehmen können, um ein Kind im Grundschulalter, sondern um einen Oberschüler, einen Jungen, im Alter von 10 oder 11 Jahren, der auch noch gern ab und zu sein Steckenpferd reitet, das er in jüngeren Jahren wohl noch nicht besessen hat.

In der geänderten Fassung wird nicht geklagt, sondern es herrscht Vorfreude auf den Mai; der Frühling deutet sich schon an. Es heißt zum ersten Mal "wir", was die Auffassung, dass Fritzchen das Lied stellvertretend für alle Kinder singt, bestätigt. Die Kinder freuen sich, dass dann "die Vöglein singen" und sie unbeschwert auf dem grünen Rasen tanzen können.

Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Im zweiten Teil dieser Strophe gibt es den Seufzer eines Kindes, dass sein Steckenpferd in der Ecke stehen muss, weil man wegen des eingesetzten Tauwetters "vor Kot" (gemeint ist Dreck oder schlammiger Boden, vgl. die Wortverwandtschaft mit Moder, Duden Etymologie) nicht in den Garten gehen kann.

Hier die dritte Strophe zum Vergleich in Original- und neuer Fassung:

OriginalNeu

In unsrer Kinderstube
Wird mir die Zeit so lang!
Bald werd’ ich armer Bube
Vor Ungeduld noch krank!
Ach bey den kurzen Tagen
Muß ich mich oben drein
Mit den Vokabeln plagen,
Und immer fleißig seyn.

Doch wenn die Vöglein singen,
Und wir dann froh und flink
Auf grünem Rasen springen,
Das ist ein ander' Ding.
Jetzt muss mein Steckenpferdchen
Dort in dem Winkel steh'n;
Denn draußen in dem Gärtchen
Kann man vor Schmutz nicht geh'n

Die Strophen vier und fünf sind wieder nahezu identisch. In beiden Strophen denkt der junge Sänger nicht nur an sich selbst, sondern auch an Fiekchen (in der geänderten Fassung: Lottchen) - seinen heimlichen Schwarm? Er fühlt mit ihr und kann verstehen, dass auch sie "auf die Blumenzeit" wartet. Am meisten aber dauret (dauert) ihn Fiekchens bzw. Lottchens Herzeleid!

Während es in beiden Texten weiter heißt: "Umsonst hol’ ich ihr Spielchen / Zum Zeitvertreib heran; / Sie sitzt in ihrem Stühlchen" sieht ihn im Originaltext Fiekchen "kläglich an". Sein freundschaftliches Bemühen, Fiekchen mit gemeinsamen Spielen aufzumuntern, ist vergeblich. Schweigend und traurig bleibt sie in ihrem Stühlchen sitzen.

Da zu den Zeiten der Entstehung des Liedes gegenseitiges freundschaftliches Schwärmen von Kindern, hier diskret ausgedrückt durch den intensiven Augenkontakt, sich nicht ziemte, wurde auch diese Zeile geändert. Nun heißt es "sie sitzt auf ihrem Stühlchen wie's Hühnchen auf dem Ei".

So sind durch die Umdichtungen der zweiten und dritten Strophe nicht nur die klagenden Worte des Jungen weggefallen, sondern aus dem kritischen Oberschüler ist ein angepasstes Fritzchen geworden. Die Realität ist der Idylle gewichen. Geblieben ist allein die Sehnsucht nach dem Mai, wie sie noch einmal in der mit dem Original übereinstimmenden fünften Strophe zum Ausdruck kommt:

Die Kinder ("Wir") sprechen den Wunsch aus, dass es doch draußen wärmer ("gelinder", vgl. Uhlands Gedicht Die linden Lüfte sind erwacht) und grüner werden möge. Und sie bitten den "lieben Mai" inständig ("gar zu sehr“) "viele Rosen, Nachtigallen und schöne Kuckucks" mitzubringen (vgl. Kuckuck als Frühlingsboten: "Frühling, Frühling wird es nun bald" in der ersten Strophe von Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald.

Reduzierung des Liedumfangs und Rezeption

Bereits im 19 Jahrhundert wurde Komm lieber Mai und mache fast ausschließlich in der geänderten Form veröffentlicht. Allgemein wurde die gefällige geänderte Fassung dem Originaltext vorgezogen, und der Text von Overbeck geriet im Lauf der Jahre fast ganz in Vergessenheit.

Auch in den Zeiten der Wandervögel, der bündischen Jugend und später des Nationalsozialismus ignorierten die Herausgeber der Liederbücher und Schulbücher den Text von Overbeck und zogen den geänderten Text - oft in gekürzter Form - vor.

Von 1945 bis heute ist die übergroße Mehrheit der Liederbücher ebenfalls mit der geänderten Fassung erschienen. Selbst angesehene Liedforscher wie Ernst Klusen und Heinz Rölleke haben in ihre Liedsammlungen die entschärfte Version aufgenommen und nicht einmal der Originalversion gegenübergestellt.

Mit drei Strophen, wobei die dritte und vierte Strophe wegfielen oder auch nur mit zwei Strophen mit der ersten und fünften Strophe wurde das Lied seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verkürzt dargeboten. Diese Reduzierung hat sich bis heute fortgesetzt. Mehr als dreiviertel der in Online-Archiven zugänglichen Liederbücher weisen nur drei oder zwei Strophen auf und lediglich rund 20 % präsentieren alle fünf Strophen. Fünf Strophen sind u.a. in allen von Liedforschern wie Erk, Klusen und Rölleke herausgegebenen Liedersammlungen vorhanden.

Auch bekannte Interpreten wie der Bariton Hermann Preyund Heino sowie die Regensburger Domspatzen oder die Wiener Sängerknaben singen nicht mehr als drei Strophen.

Betrachtet man die Anzahl der Liederbücher, Tonträger und Partituren, (Deutsches Musikarchiv, Leipzig und Online Archive), so ist Komm lieber Mai und mache nach Der Mai ist gekommen das zweitbeliebteste Mailied in Deutschland. Aus Mozarts durchkomponiertem Kunstlied ist ein wahres Volkslied geworden.

Originaltext des Gedichts Fritzchen an den May von Christian Adolph Overbeck

Komm, lieber May, und mache
Die Bäume wieder grün,
Und laß mir an dem Bache
Die kleinen Veilchen blühn!
Wie möcht’ ich doch so gerne
Ein Blümchen wieder sehn!
Ach, lieber May! wie gerne
Einmal spatzieren gehn!

In unsrer Kinderstube
Wird mir die Zeit so lang!
Bald werd’ ich armer Bube
Vor Ungeduld noch krank!
Ach bey den kurzen Tagen
Muß ich mich oben drein
Mit den Vokabeln plagen,
Und immer fleißig seyn!

Mein neues Steckenpferdchen
Muß jetzt im Winkel stehn;
Denn draußen in dem Gärtchen
Kann man vor Schnee nicht gehn.
Im Zimmer ist’s zu enge,
Und stäubt auch gar zu viel,
Und die Mama ist strenge,
Sie schilt aufs Kinderspiel.

Am meisten aber dauret
Mich Fiekchens Herzeleid!
Das arme Mädchen lauret
Auch auf die Blumenzeit!
Umsonst hol’ ich ihr Spielchen
Zum Zeitvertreib heran;
Sie sitzt in ihrem Stühlchen,
Und sieht mich kläglich an.

Ach! wenns doch erst gelinder,
Und grüner draußen wär!
Komm, lieber May! Wir Kinder,
Wir bitten gar zu sehr!
O komm, und bring vor allen
Uns viele Rosen mit!
Bring auch viel Nachtigallen,
Und schöne Kukuks mit!

Georg Nagel, 25 März 2017