Sah ein Knab ein Röslein stehn

Johann Wolfgang von Goethe (1771)

Goethes Gedicht Heideröslein wurde über 150 Mal vertont, unter anderem von Robert Schuman und Franz Schubert. Als Volkslied hat sich jedoch nur die Melodie des Braunschweiger Musiklehrers und Chorleiters Heinrich Werner behaupten können.

Musiknoten zum Lied Sah ein Knab ein Röslein stehn

Liedtext

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
war so jung und morgenschön,
lief er schnell, es nah zu sehn,
sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich,
daß du ewig denkst an mich,
und ich will's nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
half ihm doch kein Weh und Ach,
mußt'es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Karaoke

Das Gedicht Heidenröslein veröffentlichte Johann Wolfgang von Goethe 1789. Es wurde eines seiner bekanntesten Gedichte. Dennoch ist die Entstehungsgeschichte ungeklärt. Bereits Jahre vorher erschienen unter dem Titel Röschen auf der Heid Abdrucke Herders in Von deutscher Art und Kunst (1773) und in den Volksliedern (1779).

Mit Die Blüthe verfasste Johann Gottfried Herder ein weiteres Gedicht mit ähnlichen Motiven. Auch hier geht es um eine Knospe, die ein Knabe nicht brechen soll:

Knabe, Knabe laß es stehn
das Knöspgen süßer Düfte.
Jedoch der wilde Knabe brach
die Blüte von dem Baume

Ein dem Heidenröslein ähnlicheres Gedicht, das er nur aus mündlicher mitteilung kannte, nahm Herder 1773 mit der Anmerkung ein kindisches Fabelliedchen in den Blättern von Deutscher Kunst und Art auf.

Als weitere Vorlage für Goethe wird oft das Lied Sie gleicht wohl einem Rosenstock, dessen Text 1602 in Paul von der Aelsts Sammlung Weltlicher züchtiger Lieder und Rheymen erschienen war.

Wer letztlich vom wem inspiriert wurde, wird die Liedforschung wohl nicht mehr klären können. Doch das tut der Beliebtheit des Gedichts keinen Abbruch. Im Gegenteil: Goethes Heideröslein ist eines der meistvertonten Gedichte deutscher Sprache. Ernst Schade hat 124 Vertonungen nachgewiesen (vgl. Goethes Heidenröslein und seine Vertonungen, Schriftenreihe Rosenmuseum Steinfurth, Rosenmuseum 1993. ISBN 3-929319-04-7, S. 26), während Gerhard Sauder gar 154 Melodien angibt (vgl. Goethe Handbuch, Bd. 1, S. 128). Beim überwiegenden Teil der Werke handelt es sich um Kompositionen für Singstimme und Klavierbegleitung.

Frühen Vertonungen gehören die von von Andreas Romberg (1793) und Johann Friedrich Reichart aus dem Jahre 1794, die Johannes Brahms später bearbeitete (WoO 31 Nr. 6, 1857), sowie Hans Georg Nägeli (1795). Franz Schubert komponierte 1815 das Kunstlied Heidenröslein ( D 257). Die populärste Vertonung, die noch heute als Volkslied gesungen wird, stammt von Heinrich Werner, dessen Fassung am 20. Januar 1829 im Konzert der von ihm als Dirigent geleiteten Braunschweiger Liedertafel, Premiere feierte.

Im 19. Jahrhundert wurde das Gedicht in viele Liedsammlungen und Gebrauchsliederbücher aufgenommen. Im 20. Jahrhundert kamen unzählige Interpretationen namhafter Künstler hinzu, u. a. Achim Reichel auf Volxlieder (2006) und sogar die Rockgruppe Rammstein thematisierte das Gedicht im Song Rosenrot.

Als Titel etablierte sich im Laufe der Zeit die erste Zeile des Gedichts: Sah ein Knab ein Röslein stehn.

Von Rosen und Liebesleid

Franz Lehár vertonte das Gedicht Heideröslein in seiner Operette Friederike, die Goethes elsässische Jugendliebschaft zum Thema hat. Viele Literaten sehen Goethes Liebschaft zu Friederike auch als das heimliche Thema des Gedichts. Denn Goethe eroberte Friederikes Herz, begann eine Liebschaft - und beendete das Verhältnis einseitig. Friederike wird nachgesagt, dass sie nie wieder einen Mann so geliebt habe wie Goethe, denn "Wer von Goethe geliebt worden ist, kann keinen anderen lieben." Doch Goethe hatte wohl einige Zeit lang mit den Erinnerungen zu kämpfen. Vielleicht auch mit Gewissensbissen?

Heideröslein lässt sich jedenfalls so interpretieren. Die Rose als Symbol der weiblichen Verlockung, die bewundert aber nicht "gebrochen" werden will. Der stürmische Jüngling jedoch möchte das Röslein für sich haben, er möchte es "brechen" und als Trophäe mitnehmen.

"Ich breche dich, Röslein auf der Heiden!" sprach der Knabe in seinem jugendlichen Drang und Übermut. Das Röslein entgegnet darauf: "Ich steche dich, dass du ewig denkst an mich,"

Doch dies hält den Knaben nicht von seinem Vorhaben ab. Der "wilde Knabe brach's Röslein auf der Heiden". Das Röslein wehrte sich und stach", doch das nutzte wenig. Die Kraft des Knaben war stärker, es half keine Gegenwehr - so "musst' es eben leiden".

Doch das Leiden Goethes wie auch das des Röslein hatte zwei Seiten: Das Röslein vermochte den Knaben zu stechen, ihm einen Schmerz zuzufügen, den er so schnell nicht wieder vergessen würde. Doch für das Röslein bedeute das Brechen den Tod. Goethe, der sich ganz der heutigen Unsitte, einfach per Brief von Friederike trennte, hat seiner Freundin damit dauerhaft das Herz gebrochen. Doch auch er konnte sie nicht so leicht vergessen. Acht Jahre später, 1779, besucht er Friederike noch einmal - und in seiner Lebensdarstellung Dichtung und Wahrheit (3. Teil, 12. Buch) schreibt er:

Die Antwort Friedrikens auf einen schriftlichen Abschied zerriß mir das Herz. Es war dieselbe Hand, derselbe Sinn, dasselbe Gefühl, die sich zu mir, die sich an mir herangebildet hatten. Ich fühlte nun erst den Verlust, den sie erlitt, und sah keine Möglichkeit, ihn zu ersetzen, ja nur ihn zu lindern. Sie war mir ganz gegenwärtig; stets empfand ich, daß sie mir fehlte, und was das Schlimmste war, ich konnte mir mein eignes Unglück nicht verzeihen.

Goethe merkt an: was "sie" erlitt. Er spricht nicht von seinem Leiden; jedoch davon, dass er sich selbst nicht verzeihen kann. Frei dem Röslein folgend: "dass du ewig denkst an mich".

Claudia Nicolai, 8. November 2016