O, du schöner Westerwald

(Heute wollen wir marschier'n, einen neuen Marsch probier'n)

Volkslied (1932)

Die Melodie geht auf alte Westerwälder Weisen aus dem 19. Jahrhundert zurück, während der Text des in vielen Ländern bekannten Marschliedes 1932 entstand.

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied O, du schöner Westerwald

Liedtext

Heute wollen wir marschier'n,
einen neuen Marsch probier'n,
in dem schönen Westerwald,
ja da pfeift der WInd so kalt.
O, du schöner Westerwald,
über deine Höhen pfeift der Wind so kalt;
jedoch der kleinste Sonnenschein,
dringt tief ins Herz hinein.

Und die Grete und der Hans
geh'n des Sonntags gern zum Tanz,
weil das Tanzen Freude macht
und das Herz im Leibe lacht.
O, du schöner Westerwald,
über deine Höhen pfeift der Wind so kalt;
jedoch der kleinste Sonnenschein,
dringt tief ins Herz hinein.

Ist das Tanzen dann vorbei,
gibt es meistens Schlägerei,
und dem Bursch, den das nicht freut,
sagt man, er hat keinen Schneid.
O, du schöner Westerwald,
über deine Höhen pfeift der Wind so kalt;
jedoch der kleinste Sonnenschein,
dringt tief ins Herz hinein.

Einst verpönt, weil es in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eines der beliebtesten Lieder der Deutschen Wehrmacht war, hat das Lied etwa 10 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg seine Beliebtheit wiedergewonnen. Nicht nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist es bekannt, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas und in Übersee.

Wer das Lied kennt, kann bestätigen: nach dem flotten 4/4-Takt kann man gut wandern oder marschieren. Das Singen der Melodie macht Freude, besonders, wenn man die Pausen mit Pfiffen oder - wie üblich – mit Zwischenrufen füllt, wie z.B. "Eukalyptusbonbon" oder auch schon mal, wie von Soldaten eingefügt, "Schmeißt den Spieß vom Fahrrad".

Entstanden ist das Lied in einem Lager des Freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD, der im Hohen Westerwald Drainagearbeiten durchführte. Lagerleiter, Baumeister der Gemeinde Daaden (Landkreis Altenkirchen) und Sportlehrer sollen im November 1932 zusammengesessen und gemeinsam den Text verfasst haben. Dazu haben sie eine alte Westerwälder Melodie genommen, die gemäß dem Volksliedforscher Heinz Rölleke "im 19. Jahrhundert entstanden" ist (Das große Buch der Volkslieder, Köln, 1993, S. 286).

In vielen Liederbüchern wird häufig Josef Neuhäuser als Komponist (1890 bis 1949) genannt, und auch das Deutsche Musikarchiv, Leipzig, weist auf seinen Tonträgern ihn als Komponisten aus. Josef Neuhäuser, zu der Zeit in Limburg wohnend, war Komponist von Blas- und Marschmusiken. 1934 hat er das Lied, das zuvor noch nie aufgezeichnet war, von einer jungen Westerwälderin vorgesungen bekommen, eine Geschichte, die der Sohn, Walter Neuhäuser (geb. 1926), als Augen- und Ohrenzeuge des Vorsingens, bestätigt hat. Daraufhin komponierte Josef Neuhäuser 1935 den später weltbekannt gewordenen Westerwaldmarsch, in dem er im Trio (Mittelteil) die Melodie des im FAD entstandenen Westerwaldliedes verarbeitete.

Interpretation

Das Lied beginnt mit der Aufforderung „zu marschier‘n und einen neuen Marsch (zu) probier’n“, wobei sich die drei "Arbeitsmänner" einbezogen haben: "wir wollen". In einer Gruppe gesungen, stärkt das "wir" zweifelsohne das Gemeinschaftsgefühl. Den ersten Zeilen ist zu entnehmen, dass bereits im freiwilligen Arbeitsdienst ganz im paramilitärischen Stil marschiert wurde. Später im Reichsarbeitsdienst gehörte Marschieren, den Spaten wie ein Gewehr geschultert, zum täglichen Dienstprogramm.

Im Refrain wird zunächst ein Lob ausgesprochen "O, du schöner Westerwald", dann aber bedauert, dass der "Wind so kalt pfeift", was nicht verwundert: es war ein Novembertag, als das Lied entstand. Immerhin wird diese Aussage relativiert, nicht im ganzen Westerwald, sondern (nur) "über deinen Höhen" (Stegskopfgelände, 654,4 m über N.N., im Hohen Westerwald). Das Ganze wird verbunden mit der Hoffnung auf ein bisschen Sonne: "jedoch der kleinste Sonnenschein dringt tief ins Herz hinein". Diese Zeilen muten angesichts der zackigen Einleitung geradezu romantisch an.

In der zweiten Strophe stehen "Gretel und (der) Hans" exemplarisch für ein Paar, das "des Sonntags gern zum Tanz geht", wie in einem alten Kirmeslied aus Hachenburg, dem Sitz des Landschaftsmuseums Westerwald, in dem es heißt:

Hat der Hans auch graue Haare, / und ist Gretel alt wie'er, / Kommt die Kirmes dann im Jahre, / Geben sie dem Tag die Ehr'. / Einen Walzer voller Zier / Tanzt der Hans alsdann mit ihr, /: Tra la lalala, Tra la lalala:/

Die dritte Strophe bezieht sich darauf, dass auch die Arbeitsmänner gern zum Tanzen gingen, sei es auf der Kirmes oder beim Schützenfest. Dabei haben, so die Aufzeichnungen des Heimatforschers Willi Münker, die Arbeitsmänner auf einem Dorffest in der Nähe ihres Lagers mit einheimischen Mädchen und Frauen getanzt und die Erfahrung gemacht, dass die männlichen Dörfler eifersüchtig wurden. Nach einem Streit sei es dann zu einer Keilerei gekommen, der die FAD’ler nicht aus dem Wege gingen, da sie sonst als feige gegolten hätten: "der hat keinen Schneid".

Rezeption

Verbreitet durch die Arbeitsmänner des FAD und des späteren Reichsarbeitdienstes (RAD) wurde das Westerwaldlied bald in allen Arbeitslagern in ganz Deutschland populär. Die Popularität des von Josef Neuhäuser komponierten Westerwaldmarsches stieg weiter an, nachdem der Marsch häufig vom Großdeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurde und mehr als 20 Schellackplatten mit dem Titel Westerwaldlied, Westerwald-Marsch oder O, du schöner Westerwald erschienen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten Westerwaldlied und -marsch als belastet durch das NS-Regime. Doch die Erinnerung an das Lied ließ sich nicht verbieten. Es dauerte nur etwas mehr als ein Jahrzehnt, da griff die Bundeswehr nach ihrer Gründung 1955 das Westerwaldlied auf, als wenn das Lied nicht durch die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg "verbrannt" worden wäre, die mit dem Lied auf den Lippen im Mai 1940 überfallartig in Holland, Belgien und Luxemburg einmarschiert waren.

Immerhin heißt es 1958 - und auch noch in der zweiten Auflage von 1991 - im Liederbuch der Bundeswehr Kameraden singt! : "Dieses Lied ist das wohl bekannteste Lied der ehemaligen deutschen Wehrmacht … Es sollte daher immer besonders sorgsam abgewogen werden, ob und wo dieses Lied durch Angehörige der Bundeswehr gesungen wird".

Bald danach kamen LPs und CDs auf den Markt. Zu den ersten LPs mit dem Westerwaldlied gehörten 1962 und 1964 die Aufnahmen des Heeresmusikkorps der Bundeswehr, 1965 die "Stimmungslieder" mit dem Gesang von Willy Millowitsch und 1968 veröffentlichte Heino das Westerwaldlied auf seiner ersten LP "Heino".

Insgesamt weist das Deutsche Musikarchiv in seinem Katalog 75 Tonträger und 34 Notenausgaben aus.

Wie populär das Lied und der Marsch auch heute noch sind, und das nicht nur bei Veteranen und Soldaten der Bundeswehr, zeigen auch mehrere Tausend Videos (davon etliche mehrfach) auf Youtube.

Georg Nagel, 4. Juni 2016