Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus

Volkslied (um 1800/1824)

Volksweise (um 1800)

Musiknoten zum Lied Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus

Liedtext

Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus, Städtele naus,
und du, mein Schatz, bleibst hier.
Wenn i komm, wenn i komm, wenn i wiedrum komm, wiedrum komm,
kehr i ein, mein Schatz, bei dir.
Kann i gleich net allweil bei dir sein,
han i doch mein Freud an dir;
wenn i komm, wenn i komm, wenn i wiedrum komm, wiedrum komm,
kehr i ein, mein Schatz, bei dir.

Wie du weinst, wie du weinst, daß i wandre muß,
wie wenn d' Lieb jetzt wär vorbei!
Sind au drauß, sind au drauß der Mädele viel,
lieber Schatz, i bleib dir treu.
Denk du net, wenn i andre sieh,
no sei mein' Lieb vorbei;
sind au drauß, sind au drauß der Mädele viel,
lieber Schatz, i bleib dir treu.

Übers Jahr, übers Jahr, wenn mer Träuble schneid't,
stell i hier mir wiedrum ein;
bin i dann, bin i dann dein Schätzele noch,
so soll die Hochzeit sein.
Übers Jahr, do ist mein Zeit vorbei,
do g'hör i mein und dein,
bin i dann, bin i dann dein Schätzele noch,
so soll die Hochzeit sein.

Dichter und Komponist des Liedes sind unbekannt. Der Komponist Friedrich Silcher (1789-1860), der in vielen Liederbüchern als Verfasser angegeben ist, hat nach eigenen Worten eine "altwürttembergische Melodie" aufgegriffen und sie mit ihrem ersten Vers notiert. Silcher zeichnete das Lied 1827 mit einem zweiten und dritten Vers auf, die der mit ihm befreundete schwäbische Gelegenheitsdichter Heinrich Wagner (1783–1863) 1824 verfasst hatte. Zum ersten Mal im Druck erschien das Lied 1831 mit Text und Noten in Silchers Liedersammlung "Volkslieder für Männerstimmen, 2. Heft" unter dem Titel "Abschied".

Ein junger Mann singt seiner Liebsten ein Lied und sagt ihr, dass er Abschied nehmen muss. Warum der junge Abschied nehmen muss, erfahren wir nicht. Aber er versichert seiner Liebsten, dass er (sofort) nach seiner Rückkehr bei ihr einkehren wird. In den beiden letzten Zeilen des ersten Verses wiederholt er dieses Versprechen noch einmal. Seine Liebste soll wissen, dass er es ernst damit meint. Und er beteuert, dass wenn er schon nicht bei ihr sein kann, er doch immer (allweil) mit freudigen Gedanken bei ihr sein wird.

Er kann verstehen, dass sie weint, weil ihr der Abschied schwer fällt, womöglich weil sie denkt, die Liebe wäre jetzt vorbei. Zumal es "draußen", auf seinem Unterwegssein, viele "Mädele" gibt, die er kennenlernen könnte. Doch er verspricht seinem "lieben Schatz", treu zu bleiben. Und er bekräftigt sein Versprechen: Seine Liebe zu ihr ist nicht vorbei, selbst wenn er andere "Mädele" sieht und (unausgesprochen) nett finden würde.

In der dritten Strophe erfahren wir schließlich, wie lange sein Fernbleiben dauert, nämlich ein Jahr. Danach "ist seine Zeit vorbei". Es handelt sich hier also offensichtlich um einen Wanderburschen, der das letzte Jahr seiner "Lehr- und Wanderjahre" absolvieren muss. Zu der Zeit schrieben die Zünfte ihren jungen Mitgliedern vor, nach bestandener Lehrzeit drei Jahre und einen Tag von Meisterbetrieb zu Meisterbetrieb zu wandern, um ihre beruflichen Fähigkeiten zu erweitern und zu vervollkommnen. Erst danach durften die Gesellen ihre Meisterprüfung ablegen. (vgl. Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss, Das Wandern ist des Müllers Lust oder Am Brunnen vor dem Tore).

Er tröstet seine Liebste damit, dass er nach einem Jahr zur Weinlese ("wenn mer Träuble schneid’t") zurückkommen und nach wie vor ihr „Schätzele“ sein wird. Und er versichert ihr, dass sie zusammengehören ("da g’hör i mein und dein") und nach seiner Rückkehr die Hochzeit gefeiert wird.

Rezeption

Als Abschiedslied, besonders gern gesungen von Soldaten, Wandergesellen und Auswanderern, wurde "Muss i denn" bald nicht nur in deutschsprachigen Ländern populär. Bereits 1856 tauchte eine englische Übersetzung mit den ersten Zeilen "Must I, then? Must I, then? From the town must I, then?" auf. In der Jugendbewegung wurde es als Wanderlied in viele Liederbücher übernommen. Danach nahmen es der weltberühmte Tenor Richard Tauber und die später ins Exil in die USA gegangene Gesangsgruppe Comedian Harmonists in ihr Repertoire auf.

Zur Zeit der Naziherrschaft wurde das Lied missbraucht. Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 mussten es in Offenburg die für das Konzentrationslager Dachau vorgesehenen Juden auf ihrem Weg zum Bahnhof singen. Und Anfang 1945 begleitete im Außenlager Crawinkel des KZ Buchenwald eine aus Häftlingen bestehende Blaskapelle die Märsche zu Arbeitseinsätzen mit dem Lied (Quellen: Fred Wander, Der siebente Brunnen und Martin Ruch, Das Novemberpogrom und der "Synagogenprozess").

Nach dem Zweiten Weltkrieg lernte der G.I. Elvis Presley während seiner Wehrdienstzeit in Deutschland das Lied kennen. Die Popularität des Liedes stieg mit dem 1960 produzierten Film "G.I. Blues" an, in dem Presley in der Rolle eines in Deutschland stationierten Soldaten "Can‘t you see, I love you" sang. 1962 folgte ein deutscher Film, in dem der Schlagersänger Vico Torriani den Titelsong interpretierte. Weltberühmt wurde das Lied, nachdem "Muss i denn" in verschiedenen Ländern die Hitparaden stürmte.

Noch heute ist es als Abschiedslied und als Schlager vor allem in Deutschland in allen Kreisen beliebt, wie die Interpretation vieler Schlagersänger und -sängerinnen, die Aufnahme in viele hundert Liederbücher, die fast 600 Tonträger und die zahlreichen Partituren (s. Deutsches Musikarchiv) zeigen. Betrachtet man die enorme Anzahl der Videos bei Youtube mit "Muss i denn" bzw. "Can’t you see" ist das Lied bis in die Gegenwart auch international populär geblieben.

Georg Nagel, 14. Oktober 2016