Im Frühtau zu Berge

Gustav Schulten (1917)

Im Frühtau zu Berge ist die deutsche Version eines sehr bekannten schwedischen Wanderlied, dessen Melodie um 1900 nach einer traditionellen schwedischen Melodie verfasst wurde. In Deutschland erschien die erste Übersetzung 1917 in Robert Kothes Lautenlieder.

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Im Frühtau zu Berge

Liedtext

Im Frühtau zu Berge wir ziehn,fallera,
es grünen alle Wälder, alle Höh'n, fallera.
Wir wandern ohne Sorgen
singend in den Morgen,
noch ehe im Tale die Hähne krähn.

Ihr alten und hochweisen Leut,
ihr denkt wohl, wir sind nicht gescheit?
Wer wollte aber singen,
wenn wir schon Grillen fingen
in dieser herrlichen r'rühlingszeit?

Werft ab alle Sorge und Qual
und wandert mit uns aus dem Tal!
Wir sind hinaus gegangen,
den Sonnenschein zu fangen:
Kommt mit und versucht es auch selbst einmal!

Vi gå över daggstänkta berg ist der schwedische Titel eines sehr bekannten schwedischen Wanderlieds. Die heute noch geläufige Melodie, die um 1900 bekannt wurde, orientierte sich an einer älteren traditionellen Weise. Der Text wurde von dem schwedischen Maler und Dichter Olof Thunman (1879 - 1944) verfasst. Die erste Veröffentlichung mit dem Titel Gångsång (Wanderlied) stammt aus dem Jahr 1908.

Durch die Großfahrten deutscher Wandervögel nach Skandinavien lernten es auch manche Verfasser jugendbewegter Lieder kennen. Die schwungvolle Melodie und der zum Wandern anregende Wortlaut veranlassten einige, den schwedischen Text zu übersetzen, so z.B. Gustav Schulten (1917), Klemens Neumann (1920), Walter Hensel (1920). Erstmalig in Deutschland wurde das Lied 1917 in dem Liederbuch Fünfzehn Lautenlieder veröffentlicht in einer ersten Übersetzung von Schulten. Daher geben einige Liederbücher der Folgezeit als Verfasser Gustav Schulten an. Manche Liederbücher dagegen weisen den Text dem Volksliedforscher und Musikpädagogen Walther Hensel (1887 - 1956) zu. Das ist zwar nicht korrekt, aber verständlich, da Hensel durch seine Tätigkeit und Förderung der Jugendmusikbewegung bereits um 1920 einen Namen hatte und er das Lied in dem seit 1923 weitverbreiteten Liederbuch Finkensteiner Blätter veröffentlicht hat.

In der Jugendbewegung wurde das Lied in zahlreiche Liederbücher aufgenommen, gesungen wurde es aber auch in studentischen, sozialistischen und konfessionellen Kreisen. Wie viele andere Lieder wurde es von den Nationalsozialisten aufgegriffen, dabei allerdings häufig der schwedische Ursprung verschwiegen. Heuzutage ist es nach wie vor in ganz Skandinavien beliebt; es wird in allen deutschsprachigen Staaten in Schulen und Jugendbünden und vor allem von Wanderern und aufgrund der Aufnahme in das am weitesten verbreitete deutsche Liederbuch Die Mundorgel von christlichen Jugendlichen gern gesungen.

Hinaus in die Natur

Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera,
es grünen alle Wälder, alle Höh'n, fallera.
Wir wandern ohne Sorgen
singend in den Morgen,
noch ehe im Tale die Hähne krähn.

In diesem "klassischen Wanderlied" (Heinz Rölleke, Das Große Volksliederbuch, Köln 1993) wird gleich in den ersten Zeilen gesagt, worum es geht: um das Wandern in die Berge. Da die Berge weit sind und es hoch hinauf gehen soll, zieht man bereits frühmorgens los. Die Sänger lassen singend ihre (Alltags-)sorgen hinter sich und hoffen, schon eine ganze Strecke aufwärts gewandert zu sein,"eh noch im Tal die Hähne drunten krähn". Dabei stellen sich die jugendlichen Wanderer (vgl. 2. Strophe, 1. Zeile) vor, dass die von ihnen angestrebten Höhen "grün wie Smaragde schimmern". Derartige neoromantische Vorstellungen tauchen auch in anderen Liedern der Jugendbewegung auf, z. B in dem ebenfalls sehr bekannten Lied Wenn die bunten Fahnen wehen; dort heißt es "wo die die blauen Gipfel ragen".

Ihr alten und hochweisen Leut, fallera
ihr denkt wohl, wir wären nicht gescheit? fallera
Wer wollte aber singen,
wenn wir schon Grillen fingen
in dieser herrlichen Frühlingszeit?

Aus Erfahrung wissen die morgendlichen Wanderer, wie sie sicherlich nicht nur von den "alten und hochweisen Leut", sondern auch von den Arbeitern, die zur Frühschicht gingen oder den auf die Felder ziehenden Landarbeiter eingeschätzt und angesehen wurden. In ihrem Lied wenden sich die Sänger direkt an sie: "ihr denkt wohl, wir wären nicht gescheit?". Und sie fragen provozierend wer denn sonst so früh singen sollte, wenn auch sie, die jugendlichen Wanderer, schon "Grillen fingen". Mit "Grillen fangen" oder "Grillen im Kopf haben" bezeichnete man im damaligen Sprachgebrauch als unvernünftig angesehen Ideen bzw. merkwürdigen Einfällen.

Werft ab alle Sorge und Qual
und wandert mit uns aus dem Tal!
Wir sind hinaus gegangen,
den Sonnenschein zu fangen:
Kommt mit und versucht es auch selbst einmal!

In der letzten Strophe wenden sich die Wanderer an alle anderen und schlagen ihnen vor, "alle Sorgen und Qual" abzuwerfen und mit ihnen "aus dem Tal" (aus den Städten, vgl. "Aus grauer Städte Mauern") in die Natur, hier in die Berge, zu wandern.

Zum Schluss des Liedes blicken die Wanderer noch einmal zurück: "Wir sind hinausgegangen, den Sonnenschein zu fangen". Diese Zeilen spielen an "auf ein altes Schwankmotiv aus dem Schelmenroman über 'Die Schildbürger', die den Sonnenschein in Säcken und Fallen einfangen wollten, um damit ihr dunkles Rathaus (G. N.: beim Bau wurden die Fenster vergessen) zu erleuchten“ (Rölleke, S. 366).

In der Schlusszeile werden die nicht näher bezeichneten Nichtwanderer aufgefordert, mit zu wandern oder es (zumindest) doch einmal zu versuchen. Allerdings ist die Aufforderung der Schlusszeile gut gemeint, aber unrealistisch, denn selbst am arbeitsfreien Sonntag müssen sich die schwer und an den Werktagen lange arbeitenden Menschen ausruhen. Und wenn sie sich schon entspannen wollten, würden sie spazieren gehen und nicht wandern, schon gar nicht in aller Herrgotts Frühe.

Georg Nagel, 7. November 2016