Es naht sich schon die Fasenacht

Oswald von Wolkenstein

Auf einer Wallfahrt, zu der ihn seine Geliebte Anna Hausmann eingeladen hatte, was seinerzeit einem erotischen Angebot gleichkam, wurde Oswald von Wolkenstein von seinen Gläubigern gefangen genommen und so gefoltert, dass er fortan eine Krücke brauchte. Oswald von Wolkenstein war überzeugt, dass Anna ihn verraten hatte, und schrieb dieses Lied über die Liebste, die ihm statt Drücken die Krücken bescherte.

Musiknoten zum Lied Es naht sich schon die Fasenacht

Liedtext

Es naht sich schon die Fasenacht,
da laßt uns frech und fröhlich sein;
zu zwein und zwein zusammenbracht,
gleichwie die zarten Täubelein.
Doch ich hab mich schon hingesellt
zu meiner Krücken,
die mir mein Schatz hat auserwählt
statt liebem Drücken.
Und ich die Kruck fest an mich zuck,
recht freundlich unter die Achsel ruck;
ich geb ihr manchen harten Druck
und laß sie knarren.
Was mußte mir zur Fasenacht das widerfahren?
Blähä, seid still, ihr Narren!

Da nun die wilden Vöglein sind
gepaart schon ohne allen Neid,
was soll man denn als zahmes Kind
nicht feiern diese liebe Zeit,
umarmen, küssen ein schönes Weib?
Laß dich genießen!
Gewähre deinen jungen Leib
ohn' all Verdrießen!
Und ich die Kruck fest an mich zuck,
recht freundlich unter die Achsel ruck;
ich geb ihr manchen harten Druck
und laß sie knarren.
Was mußte mir zur Fasenacht
das widerfahren?
Blähä, seid still, ihr Narren!

Die Fastnacht und des Maien Pfad,
die pfeifen gern aus einem Sack.
Was sich das Jahr verborgen hat,
das äugt nun offen an den Tag.
Doch hat mein Schatz die Tück gespart
mit falschen Winken
bis an den Herbst: Verfluchte Fahrt,
denn ich muß hinken!
Und ich die Kruck fest an mich zuck,
recht freundlich unter die Achsel ruck;
ich geb ihr manchen harten Druck
und laß sie knarren.
Was mußte mir zur Fasenacht
das widerfahren?
Blähä, seid still, ihr Narren!