Die Wacht am Rhein

(Es braust ein Ruf wie Donnerhall)

Max Schneckenburger (1840)

Musiknoten zum Lied Die Wacht am Rhein

Liedtext

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland, magst ruhig sein.
|: Fest steht und treu die Wacht,
die Wacht am Rhein! :|

Durch Hunderttausend zuckt es schnell,
Und Aller Augen blitzen hell,
Der deutsche Jüngling, fromm und stark,
Beschirmt die heil’ge Landesmark.
Lieb Vaterland...

Er blickt hinauf in Himmelsau’n,
Wo Heldengeister niederschau’n,
Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
»Du Rhein bleibst deutsch wie meine Brust.«
Lieb Vaterland...

»Und ob mein Herz im Tode bricht,
Wirst du doch drum ein Welscher nicht;
Reich wie an Wasser deine Flut
Ist Deutschland ja an Heldenblut.«
Lieb Vaterland...

»Solang ein Tropfen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Feind hier deinen Strand.«
Lieb Vaterland...

Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
Die Fahnen flattern hoch im Wind:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wir Alle wollen Hüter sein!
Lieb Vaterland...

Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Als das Lied Die Wacht am Rhein 1840 entstand, blickte es auf eine fast 45-jährige Vorgeschichte zurück. Nach den für Frankreich erfolgreichen napoleonischen Eroberungskriegen kamen 1794/95 viele rheinische Gebiete unter französische Herrschaft. Und 1798 wurde der Rhein als französische Ostgrenze erklärt.

Auf dem Wiener Kongress 1814/15, nach Napoleons Niederlagen 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig und 1815 bei Waterloo, wurden die Grenzen neu gezogen. Frankreich musste die eroberten Gebiete abtreten und sich auf die Grenze vor 1794 zurückziehen. Doch das Aufkommen starker nationalistischer Strömungen in Frankreich führte dazu, erneut den Rhein als »natürliche Grenze« Frankreichs anzustreben.

Inzwischen waren jedoch in Deutschland die Forderungen nach einem einheitlichen Vaterland stärker geworden. Als Folge der Bestrebungen Frankreichs kamen in ganz Deutschland Ressentiments gegen den Nachbarstaat auf. 1840/41 wurden nationalistische Gedichte verfasst, von denen einige auch vertont wurden, die sog. »Rheinlieder«. Dazu zählt u.a. Ernst Moritz Arndts (1769 – 1860) Deutsches Kriegslied mit der 4. Strophe

Fürs Vaterland! fürs Vaterland!
Drum alle frisch und fröhlich drein!
Auf welschen Trotz ins welsche Land!
Für unsern Rhein frisch übern Rhein!

und dem Refrain:

Und klinge die Losung:
Zum Rhein, übern Rhein!
Alldeutschland in Frankreich hinein!

Ebenfalls 140 verfasse der erst 19-jährige Dichter Max Schneckenburger (1819 - 1849) sein Lied Die Wacht am Rhein. Der patriotisch gesinnte Schneckenburger, in Tuttlingen (Württemberg) geboren, verkehrte bereits in jungen Jahren in einem literarischen Zirkel, in dem auch politisiert wurde. In späteren Jahren zog er nach Burgdorf (Kanton Zürich), wo er eine Eisengießerei gründete.

Nachdem das Gedicht mehrfach vertont wurde, u. a. von Robert Schumann (1810 - 1856), wurde es mit der 1854 geschaffenen Melodie des Berufspianisten und Chorleiters der Krefelder Liedertafel Karl Wilhelm (1815 - 1873) bald in ganz Deutschland populär.

Interpretation

Die ersten beiden Zeilen beschreiben, wie lautstark der Ruf erklingt: »Zum Rhein zum Rhein, zum deutschen Rhein!«. »Wer will des Stromes Hüter sein?« ist nur eine rhetorisch Frage, denn gleich wird - wie als Refrain in allen sieben Strophen - die Antwort gegeben: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!«

Und der Ruf wird gehört, von Hunderttausenden, denen kampfbereit die Augen blitzen. Der Dichter ist sich gewiss, der fromme und starke Deutsche (gemeint sind alle Deutschen) wird die rheinischen Gebiete, hier als »heil’ge Landesmark« bezeichnet, verteidigen.

»Der Deutsche« vertraut nicht Gott, sondern - befangen in der völkisch-germanischen Götterwelt - den Heldengeister (Heldenväter), die aus dem Himmel niederschau‘n. Ihnen schwört er: »Du Rhein bleibst deutsch wie meine Brust.«

Auch in der 4. Strophe wird der Rhein direkt angesprochen. Selbst wenn der Dichter oder Sänger selbst zu Tode kommen sollte, der Rhein wird nicht französisch (»kein Welscher«). Denn »Deutschland ist ja reich an Heldenblut reich wie an Wasser (des Rheines) deine Flut«.

Und der Schwur geht weiter: Kein Franzose (»kein Feind«) wird je ein Ufer (hier poetisch: Strand) betreten, solange selbst Verwundete sich noch wehren können (hier umschrieben mit »Solang eine Faust den Degen zieht und noch ein Arm die Büchse spannt)«.

In der sechsten Strophe wird der Schwur umgesetzt: »die Fahnen flattern noch im Wind« und es wird betont: …»am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein!« und noch einmal bekräftigt: »Wir wollen alle Hüter sein!«.

Während die ersten sechs Verse von Schneckenburger stammen, hat 1870 unmittelbar nach Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs ein unbekannter Dichter die siebente Strophe hinzugefügt.

So führe uns, du bist bewährt;
In Gottvertrau’n greif’ zu dem Schwert,
Hoch Wilhelm! Nieder mit der Brut!
Und tilg’ die Schmach mit Feindesblut!

Hier vertraut man, wenn man zum Schwert greift, lieber auf Gott. Es ist nicht ganz klar, an wen sich die erste Zeile der letzten Strophe richtet: »So führe uns, du bist bewährt«. Ist Gott gemeint oder Wilhelm I. (1797 - 1888), der 1861 König von Preußen und 1871 deutscher Kaiser wurde. Die Worte »Hoch Wilhelm« deutet auf Wilhelm I. hin, der die einstige Schmach (s. o. 1794/98) zu tilgen soll. Und zu Abschluss des Liedes ertönt erneut die Bekräftigung: »Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die Wacht am Rhein!«

Rezeption bis 1933

Seit 1854 erschienen mehrere Lieder- und Chorbücher mit dem Lied, und im gleichen Jahr geschah es auch, dass zu Ehren des anwesenden Prinzen von Preußen Die Wacht am Rhein bei einem Gartenfest in Elberfeld gesungen wurde. Der spätere Kaiser Wilhelm I. war derart von dem Lied beeindruckt, dass er sich nach dem Komponisten erkundigte und ihm einige Jahre später den Titel eines königlichen Musikdirektors verlieh.

1870 wird von Zeugen berichtet, dass deutsche Heere beim Überschreiten der französische Grenze Lieb Vaterland magst ruhig sein gesungen haben. Nach dem Einmarsch in Paris am 2. März 1871 erklang der »Donnerhall« abends an den Lagerfeuern der deutschen Truppen.

Als Kaiser Wilhelm am 20. März 1871 nach seiner Rückkehr aus dem Krieg einer Aufführung im Berliner Opernhaus beiwohnte, stimmte am Schluss der Vorstellung der Chor auf der Bühne Die Wacht am Rhein an.

Und als am 24. März die Mitglieder des Reichstags den Kaiserlichen und Königlichen Majestäten vorgestellt wurden, intonierte die Kapelle Es braust ein Ruf wie Donnerhall….

Die Bedeutung des Liedes für die Kriegsbegeisterung der Deutschen und den Siegeswillen wurde anerkannt und gewürdigt. Noch während des ausgehenden Krieges verlieh Kaiserin Auguste dem Komponisten des Liedes die »Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft«, posthum auch an den Dichter. Und nach dem Sieg gegen die Franzosen am 10. Mai 1871 erhielten die Witwe Schneckenberger und der Komponist Karl Wilhelm von der Reichskanzlei eine Dotation von jährlich je 3.000 Mark.

In der Jugendbewegung war Die Wacht am Rhein nicht gerade populär; auch in den damaligen Schulliederbüchern war das Lied nur selten vertreten. Von Burschenschaften und vor allem von Männerchören jedoch wurde das Lied weiterhin gern gesungen.

Im Ersten Weltkrieg erlebte der »brausende Donnerhall« eine weitere Verbreitung. An der Front wurde Die Wacht am Rhein auf Flugblättern an die Soldaten verteilt; Liederhefte und Partituren wurden en gros herausgegeben. Nach dem verlorenen Krieg ebbte die Beliebtheit des Liedes jedoch ab.

Rezeption ab 1933

Die Nationalsozialisten griffen die ehemalige Popularität des Liedes auf und übernahmen es in so gut wie alle Schulbücher und in viele Liederbücher der NS-Organisationen.

Aber nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Begeisterung für das Lied rapide ab. Es dauerte mehr als 10 Jahre bevor Die Wacht am Rhein 1956 in Das goldene Buch der Lieder und weitere 22 Jahre später in den 3. Band des Deutschen Liederschatz aufgenommen wurde. Von diesen und wenigen historischen Liederbüchern abgesehen, weisen die Online-Archive und das Deutsche Musikarchiv in Leipzig keine weiteren auf, jedoch rund 50 Tonträgern.

Kaum ein Lied hat so viele Parodien erfahren wie Die Wacht am Rhein. Allein von 1880 bis 1927 sind fast 40 Versionen bekannt geworden.

So entstehen nach den Sozialistengesetzen (1878 bis 1890, vgl. Wikipedia) gleich mehrere sozialkritische, zur Solidarität aufrufende Texte wie

Es tönt ein Ruf von Land zu Land:
Ihr Armen reichet euch die Hand,
Es geht durchs Land ein Schrei der Not:
des Volkes Freiheit ist bedroht!

oder das Lied zum 1. Mai mit der ersten Strophe:

Die Arbeitszeit, so lang und schwer,
den Geist und Leib bedrückt uns sehr.
Darum zu lindern Not und Plag
Erstreitet den Acht-Stunden-Tag!
Hurra im schönen, jungen Mai
nimmt stark und kühn das Volk Partei!“

Im letzten Kriegsjahr als auch in der Heimat die Lebensmittel knapp wurden, entstanden folgende Spottverse:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
In Mannem*) sind Kartoffel all.
Eier, Butter, Schinken, Speck
Fressen uns die Reichen weg.
Und füttern uns wie's liebe Vieh
Mit Rüben und Kohlrabibrüh.

*) Mannheim, in einer anderen Version: Frankfurt

Und nach dem erzwungenen Rücktritt Kaiser Wilhelm II. im November 1918 war vor allem in den Arbeitervierteln Berlins folgende Version zu hören:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
es sitzt ein Mann im Schweinestall,
der einstmals war von hohem Stand
und Wilhelm II. sich hat genannt.
Er floh nach Holland hin geschwind
mit Stab und Hofnarr, Weib und Kind.
Das nennt man Lieb‘ zum Vaterland,
wie er’s im Krieg so oft genannt.

Georg Nagel, 12. Juni 2017