Ein Jäger aus Kurpfalz

Volkslied (18. Jh.)

Volksweise (18. Jh.)

Musiknoten zum Lied Ein Jäger aus Kurpfalz

Liedtext

Ein Jäger aus Kurpfalz,
der reitet durch den grünen Wald
und schießt sein Wild daher,
gleich wie es ihm gefällt.
Ju ja, ju ja! Gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid.

Auf sattelt mir mein Pferd
und legt darauf den Mantelsack,
so reit ich weit umher
von Jäger von Kurpfalz.
Ju ja, ju ja! Gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid.

Hubertus auf der Jagd,
der schoß ein' Hirsch und einen Has';
er traf ein Mägdlein an,
und das war achtzehn Jahr.
Ju ja, ju ja! Gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid.

Des Jägers seine Lust
das hat der Herr noch nicht gewußt
wie man das Wildbrett schießt:
man schießt es in die Bein.
Ju ja, ju ja! Gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid.

Jetzt geh ich nicht mehr heim,
bis daß der Kuckuck kuckuck schreit,
er schreit die ganze Nacht
allhier auf grüner Heid.
Ju ja, ju ja! Gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid.

Karaoke

Das Loblied auf die Jägerei, die irgendwo in der Kurpfalz im Wald und auf der Heide stattfindet, wird hier von einem Jäger auf einem Pferd reitend gesungen. Früher fanden sogenannte Hetzjagden mit Pferden statt, wobei das Wild von der Hundemeute aufgescheucht wurde (vgl. auch Auf, auf zum fröhlichen Jagen). Heute sind Parforcejagden als sogenannte Schleppjagden noch in England üblich, wobei Meute und Reiter hinter einem künstlichen Fuchs oder Hasen herjagen, der von einem schnellen Reiter gezogen wird.

Dass Jäger auch Heger sind, d.h. auf eine gesunde Entwicklung der Tiere und des Waldes achten, davon konnte im 18. Jahrhundert, zu den hohen Zeiten der Jagd, noch keine Rede sein. Unser Jäger "schießt sein Wild daher"; er schießt nicht "das" Wild, sondern "sein" Wild. Wörtlich genommen, handelt es sich hier also um den Eigentümer eines Waldes, der seine Tiere jagen kann, "wie es ihm gefällt". Und so stellt sich nach dem Erlegen eines Tieres bei ihm ein Wohlgefühl ein: "gar lustig ist die Jägerei“, wie es manche Besucher von Schützenfesten oder Kirchweihen nach erfolgreichen Treffern an der Schießbude in kleinerem Maße kennen.

Dass es sich um einen Adeligen oder anderen hohen Herrn handelt, zeigt sich in der zweiten Strophe. Der Jäger befiehlt einem oder seinem Bediensteten, sein Pferd zu satteln. Er will eine größere Tour machen: "so reit ich weit umher" und verlangt daher nach dem Mantelsack, eine runde, hinter den Sattel zu schnallende, sackartige Tasche, in der man Verpflegung und Kleidung und manchmal auch eine Decke für das Übernachten unter freiem Himmel mitnahm.

Den richtigen Namen des Jägers zu benennen, hat der Dichter angesichts der folgenden Verse nicht gewagt. Daher greift er zu dem Namen des später heiliggesprochenen Jägers, dem einst ein Hirsch mit leuchtendem (oder einem weißen) Kreuz auf der Stirn erschienen ist und ihn zum Christentum bekehrte. Dieser Hubertus traf nach erfolgreicher Jagd: "der schoss ein‘ Hirsch und einen Has‘" ein achtzehnjähriges Mädchen. Nicht näher beschrieben wird, was das Mädchen im Wald machte, vielleicht Pilze sammeln? Sicherlich wanderte sie nicht so vor sich hin - zur der Zeit der Entstehung des Liedes wanderten notgedrungen - nur Handwerksgesellen oder Scholaren mit wenig Geld.

Auch wie es dazu kam, dass der Jäger nun, da er das Mädchen getroffen hat, nicht mehr heim geht und was weiter passiert ist, erfahren wir nicht. Doch verschlüsselt wird uns mitgeteilt, dass der Kuckuck die ganze Nacht geschrien hat.

Aufschluss gibt die Sendung Volkslieder des SWR 2, in der ausgeführt wird: "Die Jagd war (im 18. Jahrhundert) zugleich die Gelegenheit, sich sexuell zu vergnügen" (Nicole Dantrimont am 2.9.2001). Wenn sich der Jäger die ganze Nacht vergnügt hat: "der Kuckuck schreit die ganze Nacht", ist es wahrscheinlich, dass die junge Frau schwanger geworden ist und ein "Kuckuckskind" zur Welt bringen wird.

Diese Anspielung aber war vielen Herausgebern der Liederbücher mit dem Jäger aus Kurpfalz offensichtlich zu anzüglich. So ließen sie die "Mägdleinstrophe" weg und wiesen als dritte Strophe lieber die "Kuckucksstrophe" aus (so in mehr als 300 von 400 Liederbüchern).

Entstehung und Rezeption

Die Volksliedforschung ist sich über das Jahr der Entstehung des Liedes uneins. Während der Germanist und Liedforscher Heinz Rölleke meint, es sei "zur Blütezeit deutscher Jagdlust zu Anfang oder Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden" (Das große Buch der Volkslieder“, 1992, S. 143), weist Tobias Widmair vom Historisch-kritischen Liederlexikon daraufhin, dass "die erste tatsächlich datierbare Spur des Liedes (sich erst) 1794 findet".

Von wem die Melodie stammt, ist ebenso unbekannt geblieben wie der oder die Verfasser des Textes. Die Aussage, der Karmeliterpater Martinianus Klein, Hauslehrer der 14 Kinder des kurpfälzischen Jägers und Försters (und späteren Eisenhüttenbesitzers) Friedrich Wilhelm Utsch (1732 - 1795) habe zu Ehren seines Dienstherrn und Freundes um 1770 den Text verfasst und die Melodie komponiert, wird von den Volksliedforschern zurückgewiesen. Das ist auch der Grund, weshalb in über 400 ausgewerteten Liederbüchern nur in fünf als Urheber entweder M. Klein oder F.W. Utsch genannt wird.

Bereits im 19. Jahrhundert erschienen zahlreiche Liederbücher mit dem Lied mit drei Strophen. Es war derartig beliebt, dass es in die auflagestarken Liedersammlungen von Erk (Singvöglein (1883, 5 Heft, 59. Auflage) und in Schauenburgs Allgemeinem Deutschen Commersbuch (1888; 1933 101.000 bis 110.000. Auflage) aufgenommen wurde. Mit Ausnahme des Zupfgeigenhansl (10. Auflage 1913) mit vier Strophen weisen die Schulliederbücher wie auch die meisten Liederbücher der Jugendbewegung und der bis 1933 erschienenen Liederbücher nur drei Strophen (d.h. also ohne "Mägdleinstrophe") aus.

Ab 1933 ist das Lied mit vier Strophen nur in wenigen Liederbüchern vertreten. Im von der Deutschen Jägerschaft 1937 herausgegebenen Werk Musik und Jägerei sind sogar neun Strophen (mit heute völlig unbekannten Versen) vorhanden.

Von 1945 bis 2016 erschienen zahlreiche Liederbücher mit 4 Strophen, eine Ausnahme bilden einige Schulliederbücher mit drei Strophen. Gesungen wird das Lied vor allem von Jagdgesellschaften und von Chören. Zu hören ist es auf Tonträgern von Kinder-, Männer- und gemischten Chören und als Blasmusik vom Musikkorps der Bundeswehr, von den Bückeburger Jägern und anderen Blasorchestern. Bekannt ist das Lied auch in Österreich und in der Schweiz.

Georg Nagel, 18. März 2017