Die kohlschwarze Seele

Volkslied

Dieses Volkslied, das vermutlich vom Niederrhein stamt, wurde früher zur Rechtfertigung strenger Erziehungsmaßnahmen den Kindern vorgesungen.

Musiknoten zum Lied Die kohlschwarze Seele

Liedtext

In der Stadt Hagenau genannt,
da wohnten zwei Ehleut wohlbekannt:
sie hatten einen einz'gen Sohn,
all Übels sie ihm gestatten dohn.

Der Knab war alt schon vierzig Jahr,
kein Vaterunser konnt er fürwahr,
aber alle Sünde und Räuberei,
die trieb er täglich sonder Scheu.

Die Mutter hatt' ihr Freud dabei,
wenn ihr Söhnlein trieb Schelmerei:
sie gab dem Knaben alles Recht,
er sollte tuen was er möcht.

Wenn die Mutter was befehlen tut,
er immer darwider murren tut;
er schlug auch auf sein' Mutter los,
viel harte Worte er ausstoßt:

"Du Sau, du krummer alter Bär,
du Hexe, du Aas", und noch viel mehr,
dass Gott der Herr es wurde müd
Und macht' ein Ende diesem Lied.

Er ward todkrank, kam auf das Bett,
darauf er nichts als schreien tat:
"O weh, o weh, was Angst und Schmerz!
Wie tut mir jetzt so weh mein Herz!"

Und eh der dritte Tag anbrach,
da schied er hin in Ungemach;
erschrecklich er gestorben ist. -
Hört weiter, was geschehen ist:

Am selbigen Tag um die Abendzeit,
da kam seine Seele kohlschwarz bekleidt,
in der Hand ein feurig Rut,
seinen Eltern verweisen tut.

Er fing gar laut zu brüllen an:
"Ihr Eltern, ihr seid schuld daran,
vermaledeit in Ewigkeit
seid ihr mit mir, wie ich anheut!

Wenn ihr die Rute nicht gespart.
in meinen jüngsten Tagen zart,
wär ich ein Kind der Seligkeit:
ihr habts verfehlet in der Zeit!"