Volkslieder Tierlieder

Alle Vögel sind schon da

Hoffmann von Fallersleben (1847)

Alle Vögel sind schon da ist eines der bekanntesten deutschen Frühlings- und Kinderlieder. Verfasst hat es 1835 der Dichter, Schriftsteller und Germanist August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874), von dem auch das Deutschlandlied (Lied der Deutschen) stammt.

Volksweise (18. Jh.)

Musiknoten zum Lied Alle Vögel sind schon da

Liedtext

Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle!
Welch ein Singen, Musizieren,
Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren!
Frühling will nun einmaschiern,
kommt mit Sang und Schalle.

Wie sie alle lustig sind, flink und froh sich regen!
Amsel, Drossel, Fink und Star
und die ganze Vogelschar
wünschen dir ein frohes Jahr,
lauter Heil und Segen.

Was sie uns verkünden nun, nehmen wir zur Herzen:
alle wolln wir lustig sein,
lustig wie die Vögelein,
hier und dort, feldaus, feldein,
springen, tanzen scherzen.

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Tierlieder

Hoffmann von Fallersleben hat viele hundert Texte politischer und volkstümlicher Art wie auch Kinderlieder verfasst. Bei manchen hat er auf bekannte Melodien zurückgegriffen, z.B. Winter ade!, Summ, summ, summ, Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald oder Ein Männlein steht im Walde, andere wurden nachträglich vertont. Unabhängig von der deutschen Nationalhymne, deren Melodie auf Haydns Gott, erhalte Franz den Kaiser zurückgeht, ist kein Lied so bekannt geworden wie Alle Vögel sind schon da. Die noch heute geläufige Melodie war ursprünglich als Abschiedslied Nun so reis ich weg von hier im 18. Jahrhundert verbreitet. Unter dem Titel Frühlingslied wurden die Melodie und der Hoffmannsche Text erstmalig 1844 im Liederbuch des Rauhen Hauses, einer diakonischen Einrichtung in Hamburg, veröffentlicht. 1847 erschien das Lied mit vielen weiteren, zum Teil heute noch bekannten Liedern in Vierzig Kinderlieder von Hoffmann von Fallersleben nach Original- und Volks-Weisen.

Betrachtet man die gedruckten Veröffentlichungen, so setzte bald ein Siegeszug des Liedes ein: zahlreiche Liederbücher nahmen das Lied in ihr Repertoire auf; Ludwig Erks herausgegebenes Singvögelein erschien bereits 1884 in der 59. Auflage und 1887 folgte in der 8. Auflage Des Knaben Liederschatz. Bis 1933 fand das Lied Aufnahme in Liederbücher der Jugendbewegung, der Wandervereine, politischer und konfessioneller Gruppierungen. Im NS-Regime wurde es, von Kinderliederbüchern abgesehen, nur in wenige Liedersammlungen aufgenommen, schon gar nicht - mit Ausnahme der Liederbuchs für NS-Frauenschaften - in NS- Liederbücher. Nicht unerwähnt bleiben soll hier, dass das Lied in manchen „Konzentrationslagern verwendet wurde, um Häftlinge in zynischer Weise zu demütigen, etwa wenn das Lied bei der Einlieferung ins KZ gesungen werden musste“ (Waltraud Linder-Beroud im Historisch-kritischen Liederlexikon, 2009).

Von 1857 bis heute ist Alle Vögel sind schon da in zahlreichen Schul- und Kinderliederbüchern vertreten. Gesungen wird es nicht nur in Kindergärten und Schulen, sondern in allen Kreisen der Bevölkerung. In Österreich, in der Schweiz, ja sogar in Japan, ist es bekannt, wo es vor allem von Kinderchören interpretiert wird.

Die Botschaft

Hoffmann begrüßt mit diesem Lied den Frühling, in dem die Zugvögel aus dem Süden zurückkehren: »Alle Vögel sind schon da«. Ist das zunächst eine bloße Feststellung, die auf der Beobachtung der Natur beruht, so drückt er mit dem Ausruf »Welch ein Singen…!« seine freudige Empfindung darüber aus, dass der Frühling nun einmarschieren will und das mit »Sang und Schall«. Er lauscht den Lauten, die die Vögel von sich geben von und unterscheidet je nach Vogelart »Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren«. Ihm kommt es so vor, als wenn »die ganze Vogelschar« singt und musiziert.

Wie heutzutage manche Tierfilmer Tieren menschliche Eigenschaften oder Tätigkeiten zuschreiben, wenn es z.B. heißt: die Katze spielt, wo die Katze doch eigentlich ihre Fähigkeiten trainiert Mäuse zu fangen, so meint Hoffmann die Vögel seien »lustig« und würden »froh sich regen«. Beobachtet man Vögel so ist unbestreitbar, so sie sich oft »flink regen«; uns Menschen kommt es nur so vor, als wären sie lustig und froh.

Trotzdem können wir uns an den Zeilen erfreuen und Hoffmanns poetische Übertragung nachvollziehen. Genauso wie wir hinnehmen können, dass sich eine Amsel in die Aufzählung der Zugvögel, die im Frühling wieder da sind, verirrt hat. Nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt ist zu beobachten, dass Amseln im Herbst oder beim Herannahen des Winters nicht gen Süden fliegen. Sie befolgen die Devise »Stay at home!« und kommen angepasst an die winterlichen Gegebenheiten meistens gut durch die kalte Jahreszeit.

Wir Menschen wünschen normalerweise ein gutes oder frohes Jahr zu Neujahr oder kurze Zeit danach. Dem Dichter sei zugestanden, dass die Zugvögel ihm nach ihrer Rückkehr, also erst im Frühling, ein frohes Jahr wünschen. Für ihn ist das Zurückkommen ein Zeichen wie ein Neubeginn. Er greift zu christlichen Begriffen wie »Heil und Segen« und hofft, dass es wirklich ein gutes Jahr werde.

In der dritten Strophe wird aus dem Sprecher ein »uns«. Wir Sänger und Sängerinnen sollen und können von den »lustigen und froh sich regenden« Vögeln lernen (vgl. das Lied Lasst uns froh und munter sein!) und – das wird nicht ausgesprochen – im Alltag fröhlich sein und wo wir auch sein mögen, auch »singen, springen, scherzen«. Selbst wenn Alle Vögel sind schon da heute als Kinderlied gilt und vielfach in Kindergärten oder Kindertagesstätten gesungen wird, mag das nicht nur für Kinder gelten; auch wir Erwachsenen können uns den fröhlichen Charakter »zu Herzen nehmen«.

Georg Nagel, 10. März 2016